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Alles Neu - ein Bericht aus der Ziele Zeitung

Hier der Bericht aus der Ausgabe 01/18

Das Sudheimer Kleinod

275 Jahre Schützenverein in Sudheim

 

Das Schützenkleinod der Realgemeinde Sudheim

Bild von 1962

 

 

Zu den ältesten Zeugnissen von Schützenwesen und Schützenvereinigungen in Ortschaften, wo es solche gab, oder nach wie vor gibt, gehört in der Regel das Schützenkleinod. So verhält es sich auch in Sudheim.

Das Kleinod, dessen Tradition im Jahre 1742 beginnt, wird derzeit durch die dortige Bürgerschützengesellschaft e.V. verwahrt, mit der Maßgabe, die Überlieferung von Schüttenhoff und damit die Vermehrung der Schützenkette fortzusetzen.

Bis 1935 war es nur Mitglieder der Realgemeinde erlaubt, den Schuss auf die Königsscheibe abzugeben; ja sie waren sogar verpflichtet. Allein im Krankheitsfalle oder bei Gebrechlichkeit war eine Vertretung möglich, die nur durch einen männlichen Familienangehörigen, etwa den Sohn, ausgeübt werden konnte.

Nebenbei: Auch in Northeim war der Schuss auf den "Bastian" nur den Reihebürgern vorbehalten, eine Bestimmung der Statuten, die gleichfalls 1935 infolge politischer Veränderungen aufgehoben wurde.

Die Bedeutung des Kleinods für das Sudheimer Schützenwesen darf umso höher angesetzt werden, als durch den großen Brand des Dorfes am Freitag, den 14. März 1856, manche Dokumente und Aufzeichnungen verloren gegangen sein dürften. So ist die Kette der einzige Überlieferungsträger dafür, wann in den davorliegenden Jahren, zumindest bis 1742, und in welchen zeitlichen Abständen in Sudheim Schützenfeste stattgefunden haben.

Die Abhaltung von Schützenfesten ist ein Indikator auch für den Wohlstand und die wirtschaftlichen Umstände einer Ortschaft. Längere Pausen haben ihre Ursache oft in den Missernten und Katastrophen, aber auch in politischen Ereignissen. So spiegelt sich der siebenjährige Krieg (1756 - 1763) ebenso wider wie die napoleonische Zeit, aber auch die Periode der Restauration nach Befreiungskriegen, wo den Obrigkeiten größere Versammlungen von Volk, und sei es nur zur Lustbarkeit, schon gefährlich genug erschienen. Nach dem Brande von 1856 dauerte es 18 Jahre, bis wiederum ein Schüttenhoff abgehalten wurde.

Es folgten viele Jahre, wo in Sudheim kein Schützenverein bestand. Erst 1934 wurde durch die politische Gemeinde zur Neugründung der BSG aufgerufen und somit die Schützentradition fortgesetzt. Einen Grund für die längere Pause 1874 - 1935 teilt die Kette nicht mit.

Das Sudheimer Kleinod gehört zu den häufigsten Typ von Schützenketten, bei denen die Schilde und Münzen strangförmig am Herzschilde angebracht sind. Zusätzlich ist das Kleinod auf einer Unterlage von Leder, einer Art Schürze, montiert, um eine Beschädigung des Uniformrocks durch die Kanten und Ecken der Schilde zu vermeiden.

Den besten Schützen aus der Gemeinschaft für Jedermann sichtbar herauszuheben und damit besonders zu ehren, ist der Sinn des Kleinods. zu den Vorläufern dürften jene fürstlichen Gnadenketten gehören, die auf einer Schauprägung das Bild des jeweiligen Landesherrn trugen und verliehen wurden, vornehmlich an Adel und Hofbeamtenschaft.

Die ältesten Schützenkleinode hatten, als zunächst einzige Zierde, einen an einer Kette hängenden silbernen Adler mit angelegten Schwingen (abgeleitet vom Vogelschießen), der scherzhaft, einer gewissen Ähnlichkeit halber, auch "Papagey" genannt wurde (z.B. Braunschweig, Goslar, Wildeshausen). Daneben finden sich in Herzschilden und Aufhängevorrichtungen vorreformatorische Elemente wie etwa am Northeimer "Bestian", ein Abbild des Heiligen Sebastian (+ 288), der das Martyrium durch Pfeile erlitt und darum als Schutzpatron der Schützen galt (und gilt) oder - Attribut des Heiligen Sebastian - einen gefiederten Pfeil (Bühle vor 1671, Dramfeld bei Friedland um 1680).

Die Sudheimer Aufhängevorrichtung, das Herzschild, gehört einem jüngerem Typus an, der seit dem 2. Viertel des 18. Jahrhunderts vorkommt und zum Teil noch heute bei modernen Ketten Anwendung findet. Es handelt sich um einen Ringkragen, die Andeutung einer "Halsberge" und damit um den letzten Rest mittelalterlicher Rüstung. Verkleinert zu einem halbmondförmigen Schild war der Ringkragen seit dem frühen 18. Jahrhundert Teil militärischer Uniform und dürfte Teilnehmern des 2. Weltkrieges als Abzeichen der Feldgendarmerie noch bekannt sein.

Nicht zuletzt durch den Ringkragen wurden Schützenfeste als Ausdruck besonderer Form der militärischen Übung dokumentiert und versinnbildlicht. Deshalb wurden Schützenfeste im Zeitalter absolutistischer Regierungsformen zwar reglementiert und ihrer zeitlichen Ausdehnung beschnitten, um die Steuerkraft der Landeskinder nicht zu gefährden, wegen des Vorteils für das Militär aber nicht verboten. Es verwundert deshalb nicht, dass drei Schilde von Soldaten gestiftet wurden (1753, 1769, 1838), wobei der sich als "Englischer Pensionär" bezeichnende Wilhelm Kurre (1838), Angehöriger der "Deutschen Legion" gewesen sein muss, die sich aus hannoverschen Landeskindern rekrutierte und 1815 bei Waterloo gegen Napoleon focht.

Den Herzschild bildet, wie ausgeführt, gleichermaßen ein Ringkragen leicht gebogenem Silberblech im Format 7 cm x 14 cm, überhöht von einem Herzen. In der Mitte ist ein eingesetztes kapitales S (Sudheim) erkennbar, umgeben von Pflanzen- und Blumendekor und begleite links und rechts von Jahreszahl 17 - 42. Im Herzen findet sich als Symbol von Wachsen und Gedeihen eine Pflanze mit zwei aufgesetzten Blüten, begleitet von der Jahreszahl 19 - 35, offensichtlich das Jahr eines Neubeginns des Sudheimer Schützenwesens.

Bild von 1962

Sieben an Ringkragen angebrachte Stränge, gebildet aus Schilden und Münzen, stellen den Silberschatz der Realgemeinde Sudheim dar. Erst im 16. Jahrhundert entwickelte sich der Brauch, dass der Schützenkönig dem Kleinod ein Schild stiftete als Dokument des Stolzes und der Freude über den erreichten Erfolg. Der zunächst wohl freiwillig geübte Brauch wandelte sich zur moralischen Verpflichtung. War die Königskette einerseits Auszeichnung und Zierde für den besten Mann, so diente die Kette andererseits als Reserve für die Schützengemeinschaft in Zeiten von finanzieller Not und Bedrängnis. Der Schützenkönig, der von  der Gemeinschaft einen erheblichen Geldbetrag zur Bestreitung seiner Unkosten erhielt, gab an die Gemeinschaft einen Silberschild, eine Münze oder beides, je nach Vermögen, zurück. Eine Münze, die ihre Gültigkeit und auf Dauer behielt, da der Nominalwert durch den Wert des Silber allemal gedeckt war. So ist die relative Häufigkeit von Münzen, nicht nur am Sudheimer Kleinod, zu verstehen.

Eine Ausprägung, verdient besondere Aufmerksamkeit. Es handelt sich um ein Zweidrittel-Thaler-Stück des Jahres 1809 mit dem Bilde des Königs Hieronymus Napoleon, bekannter unter dem Namen "König Lustick". Der Kaiser Napoleon hatte seinem jüngsten Bruder 1807 aus Teilen Hannovers, Hessens und Preußens das kurzlebige "Königreich Westphalen" mit der Hauptstadt Kassel geschaffen, welches 1813 unterging.

Mit der Wiedererrichtung alter Ordnungen und staatlicher Verhältnisse seit 1815 war die Regierung in Hannover sehr bestrebt, alle Überbleibsel des Königreichs Westphalen aus öffentlichen Bereichen zu entfernen und erließ deshalb mehrfach in recht rigoroser Art Verordnungen an die Obrigkeiten in Stadt und Land, denen überwiegend Folge geleistet wurde. Deshalb sind Münzen aus westfälischer Zeit an Schützenketten eine so große Ausnahme.

Durch die Herausgabe von Schild und Münze bleibt der Stifter dem Kleinod auf Dauer verbunden. Während bei den mehr oder weniger anonymen Ratssilberschätzen des Mittelalters und der frühen Neuzeit ständig Stücke verschenkt wurden oder ständig fremde Stücke als Geschenk hinzukamen, achtete der Schützenkönig aus verständlichen Gründen zu Lebzeiten vielmehr auf den Erhalt zumindest seines Schildes, aber auch der Kette überhaupt. So sind Schützenketten zu Friedenszeiten viel weniger einer Entfremdung ausgesetzt gewesen, war in Kriegszeiten der Versuch und das Bestreben von Bewahrung viel stärker ausgeprägt.

Es ist zu wünschen, dass das Sudheimer Kleinod noch lange Zeit Überdauert, fortan, der Tradition gemäß, nur durch Silberschilde vermehrt wird und deshalb nicht nur dem Schützenkönig zur größerer Zier und Ehre gereicht, sondern auch der gesamten Ortschaft Sudheim.

 

Northeim, im Juli 1992                                                                 Hartmut von Hindte

 


 

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